Auch mit einem Bein blitzschnell auf dem Eis unterwegs
Mit 15 Jahren erlebte Steven Betz einen Alptraum. Jetzt geht für den 33-Jährigen Familienvater aus Singen ein Lebenstraum in Erfüllung: Er darf mit dem deutschen Eishockeyteam bei den Paralympischen Winterspielen in Mailand teilnehmen.
Im olympischen Dorf hat er sich intensiv körperlich und mental auf das kräftezehrende einzigartige Ereignis vorbereitet. Dass es einmal so weit kommen würde, hätten ihm viele vor wenigen Jahren nicht viele zugetraut, erinnert er sich selbst.
Betz, der als Jugendlicher in Söllingen leidenschaftlich gerne kickte, erlitt kurz nachdem er im Jahr 2008 seine Ausbildung zum Lageristen begonnen hatte, einen schweren Arbeitsunfall. Anderthalb Tonnen Stahl zerquetschen sein rechtes Bein. Nach einem folgenschweren Infekt musste das Bein oberhalb des Knies abgenommen werden. „Die BG sagte mir gleich, ich könne meinen Beruf nicht mehr ausüben, doch ich habe geantwortet: Das könnt ihr nicht entscheiden, lasst mich doch erst einmal schauen, was ich kann.“
Der zweifache Familienvater, der mit seiner Familie eine Heimat in Remchingen gefunden hat und dort als Lagerist bei einem Sanitärfachbetrieb arbeitet, hat sich mit jeder Menge Ehrgeiz und Durchhaltevermögen hochgekämpft: „Ohne meinen Freundeskreis und meine Familie hätte ich das nicht geschafft, da wäre ich in ein Loch gefallen.“
Er entdeckte das Eishockey für sich, bei dem die Para-Eishockeyspieler auf einem Schlitten mit zwei schmalen Kufen sitzen, die an einen überdimensionalen Schlittschuh erinnern. Die Spieler nutzen zwei kurze Schläger. Mit Metallspikes am einen Ende können sie sich blitzschnell nach vorne bewegen –mit dem anderen Ende können sie den Puck schlagen. „Wenn ich aufs Eis gehe, schaltet bei mir der Körper ab, alle Probleme werden nichtig“, verdeutlicht Betz, der regelmäßig in Waldbronn trainiert – zusammen mit den „Fußgängern“, wie er die Spieler ohne körperliches Handicap nennt.
Vor fünf Jahren begann sein intensives Training für und mit der Nationalmannschaft, deren Mitglieder aus der ganzen Nation kommen und die sich etwa einmal im Monat trifft. Im Eishockey-Bereich besteht sie „im Grunde aus Hobbysportlern“, die alle einen anderen Hauptberuf haben – im Gegensatz zu den Mannschaften vieler anderer Länder, die aus Berufssportlern bestehen, was die Wettkämpfe besonders schwer macht.
Trotzdem überwiegt die Vorfreude – die deutschen Para-Eishockey-Athleten haben sich zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder für die Paralympics qualifiziert: „Unter den besten acht Mannschaften weltweit teilnehmen zu dürfen, ist eine besondere Hausnummer.“
Mit seiner Geschichte will Betz auch anderen Mut machen, ihre Träume nicht aufzugeben. Er hat sie in einem Kinderbuch herausgegeben – lange bevor er wusste, dass sein Traum von Olympia tatsächlich wahr werden würde.
Daumen drücken für das deutsche Eishockey-Paralympics-Team heißt es am Samstag nicht nur in Remchingen, wo übrigens auch die Familie des Fußballprofis Robert Bauer wohnt, der 2016 Teil der deutschen Olympiaauswahl war.
jza


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