Grundschüler stoßen beim Graben in Wilferdinger Garten auf römische Scherben

Gerade können sie das Wort Archäologen richtig schreiben, schon sind sie selbst welche: Der Neunjährige Leo Schickle, sein Freund Mats Kerres und sein Cousin Max Walch haben im Garten eine außergewöhnliche Entdeckung gemacht. Sie haben römische Scherben gefunden, und zwar gleich einen ganzen Haufen voll. Damit legen sie die Vermutung nahe, dass die römische Siedlung im Bereich der Wilferdinger Hildastraße deutlich größer war als bisher angenommen: „Durchaus eine kleine Sensation“, besttätigt Dirk Vogeley vom Remchinger Römermuseum. 

Aber der Reihe nach: Eigentlich wollten die Jungs einfach nur nach Lust und Laune graben. Ein mit kleinen Schäufelchen ausgehobenes Loch im Garten der Familie Schickle an der Königsbacher Straße zwischen Litfaßsäule und Zebrastreifen wurde im vergangenen Sommer tiefer und tiefer. Und der Aushub immer höher und höher, was bei den Eltern nicht unbedingt auf Begeisterung stieß. „Nur noch ein paar Zentimeter, dann machen wir es wieder zu“, baten sie mit den ersten Sonnenstrahlen im März – und machten bei einem Meter Tiefe plötzlich eine wundersame Entdeckung: Keramikscherben, die aussahen wie Bruchstücke einer Vase. Dazwischen ein alter Knochen, vermutlich von einem Huhn. „Es kam immer mehr und mehr zum Vorschein“, erinnert sich der Zehnjährige Mats. Noch bevor ihre Eltern wieder kamen, begannen die aufgeweckten Jungs mit der Reinigung, die sie dann per Zahnbürste fortsetzten.

Sein Freund Leo informierte zusammen mit seiner Mutter Julika Schickle Dirk Vogeley vom frisch gewählten Leitungsteam des Remchinger Römermuseums. Der 68-Jährige aus dem Pfinztal war selbst schon an römischen Ausgrabungen in der Region beteiligt und schöpfte schnell Verdacht: „Das Material, seine Form und Beschaffenheit deuten auf das zweite oder dritte Jahrhundert nach Christus hin“, erklärte Vogeley mit scharfem Auge. Terra Sigillata war das bessere Tafelgeschirr der Römer. Gleichzeitig fanden sich Überreste von Ziegeln, Krügen und Alltagsgeschirr in dem Zubergroßen Loch neben dem um1930 erbauten Wohnhaus. „Dass das alles an einer Stelle liegt, deutet möglicherweise auf eine römische Abfallgrube hin. Auf jeden Fall ist es ein kurioser Zufall, dass die Jungs genau an dieser Stelle gegraben und etwas gefunden haben“, erklärt Vogeley begeistert.

Mit der Meldung ans Römermuseum – oder Landesdenkmalamt – hätten sie genau richtig gehandelt, denn: „Alle archäologischen Funde im Boden gehören laut Denkmalschutzgesetz in Baden-Württemberg automatisch der Allgemeinheit und damit dem Land.“ Das Team des Römermuseums wird sie nun ausführlich dokumentieren und dann über das Landesamt für Denkmalpflege in Karlsruhe ins sogenannte „Schatzregal“ weitergeben. Dort werden die Scherben professionell bestimmt – und können mit etwas Glück für eine zukünftige Ausstellung im Remchinger Römermuseum ausgeliehen werden.

Die beiden Freunde Leo und Mats, die auch sonst gerne ihre Freizeit beim Fußballspielen oder Baumhausbauen im Freien verbringen, dürfen sich derweil über eine Sonderführung freuen. Und wie geht es derweil in ihrem Garten weiter? „Am liebsten würden wir gerne weitergraben. Aber meine Eltern fänden das nicht ganz so cool“, stellt Leo lachend fest. Gezieltes Graben nach archäologischen Schätzen ist – im Gegensatz zu zufälligem Finden wie im Falle der Jungs – ohne vorherige Absprache mit dem Landesdenkmalamt ohnehin verboten und mit einer Ordnungswidrigkeit verbunden, erklärt Vogeley auf Nachfrage. Die neuen Funde sind für ihn von ortgeschichtlich sehr hohem Interesse.

Neben den Ausgrabungen von Überresten eines römischen Gutshofes (Villa Rustica) am Wilferdinger Niemandsberg – wo heute das Römermuseum steht – wurde im Jahr 2000 bei Tiefbauarbeiten an der Hildastraße vermutlich die Abfallgrube einer Töpferei sowie wenige Meter weiter Siedlungsreste, eine römische Münze und Schmuck entdeckt. Gleichzeitig kamen Fundamentreste, möglicherweise eines Speichers oder des später erwähnten Jupiterheiligtums zu Tage. Die jetzigen Funde liegen gut 200 Meter Luftlinie südöstlich: „Das deutet darauf hin, dass die römische Siedlung in Wilferdingen größer war als angenommen. Obwohl fast alles außenherum bebaut ist, haben es die Jungs geschafft, dass wir nun ein paar mehr Puzzlesteine haben, um das Bild dieses antiken Dorfes zu erweitern.“       

jza

Der Remchinger Römermuseumsleiter Dirk Vogeley (von links) ist begeistert über die Funde, die Leo Schickle und Mats Kerres beim Graben im Garten an der Königsbacher Straße in Wilferdingen gemacht haben. Foto: Zachmann
Der Remchinger Römermuseumsleiter Dirk Vogeley (von links) ist begeistert über die Funde, die Leo Schickle und Mats Kerres beim Graben im Garten an der Königsbacher Straße in Wilferdingen gemacht und mit Leos Mutter Julika sortiert und gereinigt haben. Foto: Zachmann
Die Funde reichen von Reste von Alltagsgeschirr über Vasen bis hin zu Ziegelstücken. Foto: Zachmann
Auf einer Karte zeigt Vogeley die bisherigen Fundstücke römischer Überreste im Bereich der Hildastraße. Foto: Zachmann
An einem zufällig ausgewählten Platz hinter dem Trampolin haben die Jungs aus Lust und Laune begonnen zu graben. Foto: Zachmann
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