Junge Agrarwissenschaftler stehen Rede und Antwort
Säen, hegen und ernten können die Mitglieder des Obst- und Gartenbauvereins Singen aus dem Effeff. Mal nehmen sie eine üppige, mal eine wie dieses Jahr geringere Ernte in Kauf. Wie es denen geht, die davon leben müssen, wollten sie nun von Deborah Elsässer und Marius Ehrismann wissen. Die Hohenheimer Agrarwissenschaftler sind täglich im Einsatz – die 34-Jährige auf dem Milchhof Bercher im Singener Hegenach, der 25-Jährige nebenberuflich auf dem Ackerbau- und Saatgutvermehrungsbetrieb Eichhälderhof in Königsbach.
Im Austausch erklärten die beiden die Herausforderungen und Motivation ihres Handelns, räumten mit Vorurteilen im Spannungsfeld mit Umweltschutz, Preispolitik und Verbrauchern auf und zeigten Lösungswege zum rücksichtsvollen Miteinander aller, die Feld und Flur zum Arbeiten, als Hobby oder Erholungsraum nutzen. „Wer einen Garten hat weiß, was es bedeutet, Schnecken, Blattläuse oder Unkraut in Schach zu halten: vorbeugend, von Hand, mit Geräten oder Chemie“, verdeutlichte Ehrismann. Landwirte müssten diese Entscheidung nicht auf hundert Quadratmetern, sondern unter Umständen auf ein paar hundert Hektar treffen: „Neben der Ertrags- und Qualitätssicherung sehen wir den Schutz von Wildkräutern und Insekten“, verdeutlichte er mit dem Konzept des integrierten Pflanzenschutzes, „So viel wie nötig, so wenig wie möglich.“
Mit überwiegend pflugloser Bewirtschaftung und GPS zur passgenauen Pflanzenschutz- und Düngeapplikation spare der Betrieb teure Ressourcen und leiste seinen Beitrag zum Erosions- und Gewässerschutz. Hatte vor 70 Jahren jedes zweite Haus mit Landwirtschaft zu tun, versorge der durchschnittliche deutsche Landwirt heute 140 Menschen – der Wandel auf dem Lande führt zur Entfremdung: „Deshalb reden wir bewusst miteinander anstatt übereinander.“
Das unterstrich auch Elässer. Die Ernte von 70 Hektar Acker- und 30 Hektar Grünland kommt auf dem Bercherhof fast vollständig 90 Milchkühen im Offenlaufstall mit Kuhdusche, Bürsten und eigener Nachzucht zugute: „Wir verdienen unser Geld vor allem mit Milch – wobei verdienen bei einem Milchpreis von aktuell 36 Cent das falsche Wort ist“, unterstrich sie die Abhängigkeit von Dumpingpreisen. Andererseits mäht alleine der Bercherhof zulasten der Schlagkräftigkeit um 760 Streuobstbäume herum und leistet einen Beitrag fürs Gemeinwohl. Am Beispiel der Kuh als Kreislaufwirtschafterin verdeutlichte sie den Wert der Gülle als natürlichen Dünger, sodass der Hof kaum Kunstdünger zukaufen muss. Voraus gehen Gülleanalysen, Bodenproben und Düngebedarfsermittlungen für alle Felder. Rund 350 Fässer fährt der Hof jährlich: „Damit wollen wir nicht den Goethering ärgern.“ Auch die Vermeidung von Hundekot im Futter, die Rehkitzrettung per Drohne, Blühstreifen und regionale Vermarktung waren Themen des konstruktiven Austauschs, bei dem ein Besucher feststellte: „Respekt, dass ihr das weitermacht!“

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