Mit Kamm und Schere zurück zur Eigenständigkeit

Zehntausende Haarschnitte hat Gabriel in seinem Berufsleben schon gemacht. Er kennt sein Handwerk aus dem Effeff. Und doch ist es für ihn ein ganz besonderer Moment, als er im Singener Friseursalon von Yvonne Hähner zu Kamm und Schere greift – vorsichtig, behutsam und wohlüberlegt. Gut 3.500 Kilometer trennen ihn von seiner alten Heimat Syrien – und neben all den geselligen Erinnerungen an den Friseursalon, den er zusammen mit seinem Team betrieben hatte, brutale Erlebnisse inmitten des syrischen Bürgerkriegs und der auch anschließend weiter angespannten Lage.  

Vor zweieinhalb Jahren ist er mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen auf der Flucht nach Deutschland gekommen. In einer von der Gemeinde angemieteten Privatwohnung in Wilferdingen haben sie eine Anschlussunterbringung gefunden und begonnen, intensiv Deutsch zu lernen. „Am schnellsten haben meine beiden Kinder und meine Frau Deutsch gelernt. Ich bin sehr stolz auf sie“, berichtet der 54-Jährige, nachdem er im Friseursalon sein Werk vollendet hat und mit Bürste und Föhn für den Feinschliff sorgt. Aus der anfänglichen Anspannung wird plötzlich Freude, als ihm Karsten Leonhardt mit einer verbeugenden Geste dankt. „Er versteht sein Handwerk, hat sehr akkurat gearbeitet und darf gerne wieder kommen“, stellt der Stammkunde aus Königsbach-Stein fest. Er ist der Erste, den Gabriel an seinem Probearbeitstag frisiert. 

Leonhardts Worte, die Gabriel nach zehn Monaten intensivem Deutschkurs selbst gut verstehen kann, zaubern ihm ein Lächeln ins Gesicht. „Jeder hat eine Chance verdient. Gabriel ist sehr sympathisch und macht seine Arbeit sehr gut“, freut sich auch Friseurmeisterin Yvonne Hähner. Sie kann sich eine reguläre Beschäftigung gut vorstellen: „Wenn das mit der Bürokratie klappt.“ Arbeit jedenfalls gibt es genug in dem Salon mit sechs Plätzen. „Hier ist alles sehr modern. Frauen und Männer gehen gemeinsam in einen Salon, was bei uns in Syrien undenkbar gewesen wäre“, stellt Gabriel fest, der sich sehr freuen würde, wenn er hier seine Arbeit wieder aufnehmen könnte. „Von Anfang an war es uns wichtig, Deutsch zu lernen und die Kinder zur Schule zu schicken, damit wir sobald es geht arbeiten und uns selbst versorgen können“, berichtet der Syrer, der seit zehn Monaten ebenso wie seine Frau selbst eine Erwachsenenschule bei Bruchsal besucht.

Samstags arbeitet seine Frau in der Wilferdinger Metzgereifiliale, während er ehrenamtlich bei der Liebenzeller Gemeinschaft im Einsatz ist. Dort hatte die christliche Familie schnell Anschluss und viel Unterstützung im Alltag gefunden. „Das möchten wir gerne zurückgeben. Beim Feriencamp habe ich für 125 Kinder gekocht“, erzählt Gabriel, der außerdem regelmäßig bei der Altkleidersammlung der DRK-Ortsgruppe mit anpackt. Sein 15-Jähriger Sohn kickt nach der Schule auf dem Sportplatz des FCA Wilferdingen, während der zehnjährige Anschluss bei der Jugendfeuerwehr gefunden hat. 

„Gabriels Familie ist ein tolles Beispiel für Integration“, weiß auch der für Remchingen zuständige Integrationsmanager Matthias Lajer. Zusammen mit Sandra Musaraganyi und Michael Swafford begleitet er rund 400 Geflüchtete, die aktuell in Remchingen leben. Rund die Hälfte davon darf arbeiten, der Rest sind Kinder, Senioren, im Mutterschutz oder leiden an schweren Krankheiten. Von 180 Personen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, arbeiten aktuell etwa 100. „Die meisten anderen sind in einem Sprachkurs oder warten auf einen Platz dafür“, erklärt Lajer. Diese fänden vorwiegend tagsüber statt und sind daher mit einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit schwer vereinbar. Ebenso eine Herausforderung seien die knappen Plätze der Kurse: „Dadurch können viele Flüchtlinge die notwendige Sprache nicht erlernen, welche für das Arbeiten notwendig wäre.“ 

Für Alleinerziehende fehlten oft Kinderbetreuungsplätze. Wiederum andere warten auf eine Arbeitserlaubnis, für die sie zunächst einen gültigen Nationalpass vorweisen müssen. Trotz Herausforderungen blickt er auf positive Beispiele, bei denen Geflüchtete in den beiden örtlichen Metzgereien, bei Handwerksbetrieben oder Firmen arbeiten. Noch herausfordernder als die Integration in die Arbeit sei jedoch die Suche nach geeignetem Wohnraum: „Arbeit gibt es genug, Wohnungen nicht.“   

jza
 

Der syrische Flüchtling Gabriel (rechts) freut sich, dass er im Salon von Yvonne Hähner Probearbeiten kann. Karsten Leonhardt gehört zu seinen ersten Kunden. Foto: Zachmann
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