Neujahrskonzert verpackt unbequeme Wahrheit in musikalischem Feuerwerk
Wie schafft man es, fröhlich-feierlich ins neue Jahr zu starten, in aller Euphorie aber nicht gleich die guten Vorsätze über Bord zu werfen? Zusammen mit dem österreichischen Merlin Ensemble verstand es der deutsche Astrophysiker und Fernsehmoderator Harald Lesch am Freitagabend in der Remchinger Kulturhalle, die wunderbare Einzigartigkeit unseres blauen Planeten hervorzuheben und gleichzeitig an die Bewahrung der Schöpfung zu appellieren. Zum Programmauftakt nahm er das Publikum im ausverkauften Saal mit auf eine Reise durch Raum und Zeit von der Entstehung der Erde und der vier Jahreszeiten bis zu den Herausforderungen und Folgen des Klimawandels.
Während das von Martin Walch an der Solo-Violine dirigierte Wiener Ensemble ausdrucksstark und gefühlsvoll durch Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ begleitete, bestach Lesch immer wieder mit seinem greifbar aufbereiteten Wissen zur Geschichte der Erde und ihrer nicht zuletzt durch den Klimawandel menschgemachten dramatischen Veränderungen. Auch die aktuelle Tagespolitik blieb dabei nicht verschont: „Es gibt eine Menge Leute, die etwas zu sagen haben, aber nicht auf Wissenschaftler hören“, bedankte sich Lesch zu Beginn für die Aufmerksamkeit des Publikums, das mucksmäuschenstill seinen Ausführungen lauschte und begrüßte zu einer „konspirativen Sitzung mit hinterhältiger Wissenschaft“.
Aufrüttelnd, mahnend, aber keineswegs aufdringlich oder gar hoffnungslos zeichnete der aus ZDF-Produktionen wie „Leschs Kosmos“ oder „Terra X“ bekannte Wissenschaftsjournalist die Veränderung der Erde vom blauen Diamanten bis zum gefährdeten Planeten nach. „Es kommen wirklich heiße Zeiten auf uns zu“, kündigte Lesch nach fröhlichen Frühlingsklängen den Sommer an, während die Streicher regelrecht die Saiten glühen ließen. Viele der acht Instrumente vom Cembalo über das Cello bis zum Kontrabass waren mit rund 300 Jahren so alt oder älter wie Vivaldis Jahreszeiten selbst. Auf Leschs Frage an Martin Walch, was sie so besonders mache, antwortete der Österreicher: „Die Spieler.“ Lesch war sich sicher: „Wenn uns Außerirdische besuchen würden, dann nicht wegen uns Physikern, sondern wegen euch Musikern.“
Doch zurück zum Ernst der Lage: Neben viel zu frühen Blüten, viel zu langem Regen, viel zu wenigen Insekten, woran keiner schuld sein wolle, viel zu heißen Sommern und viel zu warmen Wintern blickte Lesch auf eine Weltpolitik, die an Wunderwaffen glaube. Doch mit der Natur könne man nicht verhandeln. „Wäre die Natur eine Bank, wäre sie längst gerettet“, rief Lesch schließlich in den nicht mehr vorhandenen Winter hinein, den die Musiker wie einen Schauer verbreiteten. Am Ende appellierte Lesch an den Zusammenhalt: „Der Planet kann auch ohne uns – aber wir nicht ohne ihn. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass es in den galaktischen Chroniken nicht heißt: Sie haben sich bemüht.“
jza




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