Remchinger Steven Betz bei Paralympics für Deutschland auf dem Eis

Er kommt aus Remchingen und ist Eishockey-Spieler der deutschen Nationalmannschaft bei den Paralympischen Winterspielen. Das erste Drittel gegen China läuft seit einigen Minuten, ein Tor ist bereits gefallen. Es ist das erste Spiel der Mannschaft bei diesen Winterspielen und das erste Mal seit 20 Jahren, dass Deutschland überhaupt wieder dabei ist. Die Erwartungen sind dementsprechend nicht allzu hoch. Die Konkurrenz ist stark. Trotzdem kämpft das Team um Betz gegen den Gegner China, fährt in hoher Geschwindigkeit auf Schlitten umher, blockt die rot gekleideten Spieler ab, versucht den kleinen Puck zu bekommen und möglichst zu behalten. Am Ende geht das Spiel 12:0 für China aus. Die Stimmung: nicht schlecht. Wie kann das sein?

Aus Grüppchen wurde ein Team
„Wirklich erhofft haben wir uns nichts“, resümiert Betz. „Wir haben gesagt, wir gehen von Spiel zu Spiel. Diese Einstellung hat den Druck rausgenommen.“ Die ersten beiden Partien gegen die Favoriten Chi- na und USA seien für die Deutschen eher wie Testspiele gewesen, da die Gewinnchancen ohnehin gering waren. Im Vergleich zu den bei- den Profi-Teams sei Deutschland fast schon eine „Hobbytruppe“. Dennoch ist Betz stolz auf seine Mannschaft: „Wir waren in Topform. Was wir bei den Paralympics abgeliefert haben, war das Beste, was wir je gemacht haben. Wir waren ein Team, ein Verbund.“

Zu verdanken haben das die fünfzehn Spieler ihrem neuen Trainer Peter Willmann. Erst seit November trainiert er das Team. Das Spiel gegen China war das erste der Mannschaft, das er live gesehen hat und „das geilste Eishockey, das er je erlebt hat“, wie er danach gesagt haben soll. Das macht stolz. Betz ist überzeugt, dass nur durch Willmann aus der „verrückten Truppe“ eine richtige Mannschaft geworden ist, die bei den Paralympischen Winterspielen Kampf- und Teamgeist beweisen konnte. „Für Außenstehende sah das vielleicht nach Chaos aus. Für uns war das was Großes. Wir alle sind stolz, dass wir es zu den Spielen geschafft haben.“ Das amerikanische Team sei sogar auf sie zugekommen und habe seinen größten Respekt ausgesprochen.

Am Ende ist die deutsche Nationalmannschaft auf dem sechsten von acht Plätzen gelandet. „Das Spiel um den fünften Platz war gegen den Gastgeber Italien. Die Stimmung im Stadion war einfach gegen uns“, beschreibt Betz, der zwar nicht gespielt, aber angefeuert hat. Eine Medaille konnten die Mannschaft also nicht mit nach Hause nehmen, dafür viele Eindrücke und Erinnerungen. Angereist ist die Gruppe inklusive Mannschaftsarzt, Sportpsychologe und Physiotherapeut bereits eine knappe Woche vor dem ersten Spiel. „Das war auch gut so, denn die Eisfläche bei den Paralympics war kleiner als normal. Daran mussten wir uns erst einmal gewöhnen, denn das hat zum Beispiel Auswirkungen auf die Schussstärke“, so Betz. Insgesamt wurde viel trainiert: auf der Stadionfläche, auf einer separaten Trainingsfläche in Containerbauweise oder im dauerhaft geöffneten Fitnessstudio. Auch Teambesprechungen und der eine oder andere Spaß zwischendurch gehörten dazu. Obwohl die Altersspanne in der Mannschaft von 19 bis 60 Jahren reicht, versteht sich die Gruppe und ergänzt sich gut.

Intensive Sportart auf dem Eis
Dass es beim Para-Eishockey nicht nur körperliche, sondern auch geistige Ausdauer braucht, hat Remchingens Bürgermeisterin Julia Wieland bei einem Treffen mit Betz festgestellt. Sie hat den 33-Jährigen nach den Spielen im Rathaus begrüßt und sich genau erklären lassen, wie der Sport funktioniert. Gespielt wird Para-Eishockey von Sportlerinnen und Sportlern, die eine körperliche Einschränkung der unteren Extremitäten haben. Sie sitzen in einem speziellen Schlitten und bewegen sich mit Hilfe zweier Schläger auf dem Eis fort. Das eine Ende der Schläger wird zum Passen und Schießen verwendet, während Spikes am anderen Ende die Fortbewegung erleichtern. Gespielt werden dreimal 15 Minuten mit je fünf Spielern und einem Torhüter. Die Regeln sind denen im Fußgänger-Eishockey sehr ähnlich. „Bei uns gibt es auch zwei Minuten Strafe wegen Beinstellens oder Behinderung“, schmunzelt Betz. Und das zu Recht, denn was auf dem Eis passiert, ist nicht ohne: Bodychecks sind keine Seltenheit und dass ein Schlitten umkippt auch nicht. Deshalb gehört eine Schutzausrüstung inklusive Helm mit Metallgitter zur Grundausstattung.

Obwohl die Spieler nicht gut rückwärtsfahren können und deutlich langsamer sind als Spieler mit Schlittschuhen, bezeichnet Betz den Schlitten als Vorteil. „Man kann den Puck einfach unter dem Schlitten durchschieben. So bringe ich den Puck von rechts, wo der Gegenspieler lauert, auf meine linke Seite in Sicherheit und der Gegner kommt nicht mehr dran“, erklärt er. 

Diese Einstellung zum Leben, in allem etwas Gutes zu sehen, hat den jungen Vater von zwei Töchtern weit gebracht. Während seiner Ausbildung zum Feinwerkmechaniker wurde sein rechtes Bein unterhalb des Knies bei einem Arbeitsunfall im Alter von 15 Jahren zerquetscht und später amputiert. Aufgeben? Für Betz keine Option. Mit Hilfe von Freunden und Familie schaffte er es, seine Situation anzunehmen. Von seinem bisherigen Hobby, dem Fußball, verabschiedete er sich und kam zum Eishockey. Er spielte zunächst in einer Para-Mannschaft in Heidelberg, die sich 2015 auflöste. Vor vier Jahren wollte Betz wieder einsteigen, hat sich mit seinem ca. 2.000 Euro teuren Equipment ausgestattet und sich auf die Suche nach Mitstreitern gemacht. Mehr durch Zufall ist er bei einem Trainingslager der Nationalmannschaft gelandet und wurde schließlich als Verteidiger Teil des Teams. Betz zeigt, wie die beiden Schläger genutzt werden.

Herausforderungen im Parasport
Obwohl er schon bei Weltmeisterschaften gespielt hat, war er bei der WM 2025 im amerikanischen Buffalo nicht dabei. Als seine Teamkolle gen die Qualifikation für die Paralympics holten, wurde Betz zum zweiten Mal Vater. Während andere mit dem Sport ihr Geld verdienen, trainieren die deutschen Para-Eishockey-Spieler vor allem in den späten Abendstunden nach der Arbeit und das meist für sich allein. Die Mitglieder der Nationalmannschaft sind deutschlandweit verstreut und treffen sich nur einmal im Monat zum Trainingswochenende in Thüringen. „Ich habe alle zwei Wochen eine Dreiviertelstunde auf dem Eis in Waldbronn. Dazwischen trainiere ich in Freiburg, aber immer sehr spät“, beschreibt Betz das Problem. Nicht nur die Mitspieler in der näheren Umgebung fehlen, auch die Trainingszeiten sind spät in der Nacht.

Vor allem bei der Nachwuchssuche sorgt das für Probleme. „Das ist allgemein beim Eishockey so, aber als Parasportler merkt man es noch mehr“, so Betz. Selbst bei den Paralympics habe man im Vergleich zu den Olympischen Spielen eine deutliche Benach- teiligung gemerkt: die Eröffnungsfeier war kleiner, Gruppenräume wurden abgebaut und die Angebote im Olympischen Dorf reduziert. Betz findet das schade: „Ich würde mir wünschen, dass der Parasport noch mehr gefördert und ernster genommen wird.“ Auch deshalb tritt er vermehrt in die Öffentlichkeit, um den Parasport und vor allem das Para-Eishockey bekannter zu machen.

Sein Hobby zum Beruf zu machen, ist unter den derzeitigen Bedingungen nicht möglich. Mit dem Sport mache er keinen Gewinn, sondern eher Minus. Möglich ist das nur durch seine Familie, die ihn sehr unterstützt. Manchmal nimmt er sie mit auf das Trainingswochenende im thüringischen Ilmenau. „Meine Tochter ist ganz stolz. In der Kita erzählt sie ständig, dass Papa im Fernsehen war“, berichtet Betz. Freunde und Familie sind ihm wichtig. Jedem, den ein ähnliches Schicksal ereilt wie ihn mit seinem Bein, würde er raten: „Man darf sich nicht zu Hause einschließen und sich bemitleiden. Das Leben geht weiter. Probiert Dinge aus, sonst könnt ihr nicht wissen, ob ihr es könnt.“ Einfach machen – ein Motto, das sich wohl jeder zu Herzen nehmen kann.

Quelle: Die Informationen und die Fotos sind den Gemeindenachrichten Nr. 15/2026 entnommen. 

Der Parasportler Steven Betz zu Besuch bei Bürgermeisterin Julia Wieland.
In diesem speziellen Schlitten bewegen sich die Para-Eishockey-Spieler auf dem Eis. Es gibt nur einen einzigen Hersteller mit Sitz in Kanada.
Betz zeigt, wie die beiden Schläger genutzt werden.
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