Umfassende Gleisarbeiten bieten historische Chance für barrierefreien Bahnhof Remchingen
Jahrzehntelang haben viele davon geträumt – am Mittwoch bekamen knapp hundert interessierte Remchinger in der Kulturhalle ein Gefühl davon wie es ist, die Bahnsteige am Bahnhof zwischen Wilferdingen und Singen barrierefrei zu wechseln. Was ihnen Julian Halter von der beteiligten Baufirma Reif mit der Virtual Reality-Brille demonstrierte, könnte Ende 2030 Realität werden. Vertreter der Deutschen Bahn, der Planungsbüros und Baufirmen, zusammen die „Allianz Residenzbahn“, präsentierten Pläne zur millionenschweren Bahnhofsumgestaltung.
Wie berichtet ist diese Teil umfassender Streckenmaßnahmen zwischen Söllingen und Pforzheim. Eine Blockverdichtung soll mit zusätzlichen Signalen eine höhere Leistungsfähigkeit der Strecke gewährleistet. Während die Bahn in Pforzheim die Eisenbahnbrücke über die Luitgardstraße ertüchtigt, feile sie in Kleinsteinbach an einer Lösung für den Bahnübergang, wo die Züge nach einem Unfall vor 20 Jahren die Geschwindigkeit drosseln müssen. In Remchingen entsteht eines der ersten digitalen Stellwerke in der Region, außerdem verlängert die Bahn das dritte Gleis Richtung Pforzheim auf 740 Meter, damit künftig auch Güterzüge überholt werden können, erklärte Planer Matthias Klein (Obermeyer Infrastruktur). Dass dabei kein Stein auf dem anderen bleibe, sorge für eine historische Chance: „Durch diese Arbeiten haben wir die Möglichkeit, die Gleise leicht zu verschwenken und den Mittelbahnsteig einen Meter zu verbreitern. Dann haben wir endlich Platz für einen Aufzug“, so Klein, der selbst in Singen wohnt.
Während auf der Wilferdinger Seite der leerstehende Kiosk einem kleinen Bahnhofsvorplatz mit dahinterliegendem Aufzug weicht, muss sich die Gemeinde auf der Singener Seite selbst um die Barrierefreiheit kümmern, da es sich um ihr eigenes Gelände handelt. Hier soll eine lange Rampe entstehen, wartungsärmer und kostengünstiger als ein Aufzug. Für den kompletten Anteil der Gemeinde hatte Klein im Dezember einen Kostenrahmen von 2,5 Millionen Euro genannt. Die Bahn sorgt außerdem neben neuen Oberleitungen und 500 Metern erschütterungsdämpfende Gleisschwellen für ein Blindenleitsystem, angepasste Bahnsteighöhen der jeweiligen Regional- und S-Bahn-Zustiege, neue Beschallungsanlagen und Zugzielanzeiger, mehr Überdachungen und eine deutlich hellere Ausleuchtung der Unterführung.
Auf der Wilferdinger Seite ist eine Lärmschutzwand vom früheren Empfangsgebäude bis zum alten Stellwerk Richtung Pforzheim geplant. Ein möglicher zusätzlicher Lärmschutz an den nicht veränderten Gleisabschnitten sei wiederum Aufgabe der separat laufenden Lärmsanierung, erklärte Klein auf Rückfrage, wobei sich die Bewohner entlang der Eisenbahnstraße in Singen deutlich gegen eine dort sechs Meter hohe Wand ausgesprochen hätten. Falls auf dem brachliegenden Singener Sägewerksgelände eine Bebauung folge, sei der dortige Lärmschutz nicht Sache der Bahn.
Wenn alle Genehmigungen nach Plan laufen, könne der Umbau 2029 beginnen. Klein nannte erstmals eine Zeitspanne für die Totalsperrung: „Fünfeinhalb Monate werden wir zwingend brauchen.“ In dieser Zeit sei ein Ersatzverkehr und möglicherweise Alternativen für die Querung geplant. Für immer weichen müssen die Kleingärten auf Bahngelände auf der Singener Seite. Dort sollen Ausgleichsmaßnahmen entstehen, wie Planer Michael Gieschke erklärte. Auch die hintere Zufahrt zum Häckselplatz entfällt wegen der Gleisverlängerung unter dem dortigen Brückenbauwerk. Bürger äußerten den Wunsch nach einer Toilette, mehr Fahrradboxen sowie einer freundlicheren Gestaltung der Unterführung mitsamt Videoüberwachung. An letzterem sei sie mit dem Bahnhofsmanager und Künstler Sebastian Bauer schon jetzt dran, erklärte Bürgermeisterin Julia Wieland. Sie betonte mit Blick auf das Großprojekt: „Was lange währt, wird hoffentlich endlich gut.“
Weitere Informationen und Visualisierungen gibt es im Internet unter www.deutschebahn.com/residenzbahn.
jza


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