Unbeschwerte Melodien werden zu lebensgefährlichen Liedern

Es sind Volkslieder mit unbeschwerten Melodien, mit der einen oder anderen kritisch-mahnenden Bemerkung im Text, insgesamt aber dominiert von einer großen Liebe für die Freiheit, die der Pforzheimer Liedermacher Roland Bliesener in die Alte Kirche in Wilferdingen bringt. Und doch sind es gefährliche Lieder, die in der Zeit des Nationalsozialismus zahlreichen jungen Menschen ihre Freiheit und mitunter sogar das Leben kosteten. „Es gab tausende Jugendliche, die ins KZ kamen, weil sie ihre Meinung hatten“, unterstreicht Bliesener.

Die Lieder von Edelweißpiraten, Wandervögeln und Swingkids, die abwechselnd er am Klavier und Christian Roch an der Gitarre spielt, während sie immer wieder die Zuhörer zum Mitsingen animieren, sind begleitet von Bildern, Texten und Zeitzeugenberichten. „Die Edelweißpiraten waren die Punks, die Antifa der damaligen Zeit“, erklärt Bliesener mit Blick auf die in den Dreißigerjahren nach dem Vorbild der Wandervögel und Bündischen Jugend gegründeten Jugendbewegungen. Ein teilweise am Rock getragenes Edelweiß gehörte ebenso zu den Erkennungszeichen wie die einfache Gitarre: „Jungen und Mädchen sind an freien Tagen mit der Klampfe auf dem Fahrrad in die Natur gefahren oder auf Wanderschaft gegangen und haben im Rudel Lieder gesungen, die anderen nicht gefielen.“

Neben dem „Rübezahllied“ gehört dazu auch „Wenn die bunten Fahnen wehen“, dessen dritte Strophe die Nazis damals verboten hatten. „Hei, die wilden Wandervögel ziehen wieder durch die Nacht“, heißt es in dieser Strophe, die noch heute in vielen Liederbüchern fehle, „Singen ihre alten Lieder, dass die Welt vom Schlaf erwacht.“ Bliesener verdeutlicht: „Es geht nicht um knallharte Protestsongs gegen Nazis, sondern oft um niederschwellige Texte, wegen denen man ins Gefängnis oder KZ kommen konnte.“

Was anfangs noch ein Miteinander war, wurde bald zum Gegeneinander mit der Hitlerjugend, dem Bund Deutscher Mädel und dem Naziregime. Nicht nur der Umgangston mit den anderen, auch die Texte der Edelweißpiraten seien rauer geworden: „Man wusste plötzlich: Man tut etwas Verbotenes, man muss Schmiere stehen.“ Mucksmäuschenstill ist es dann in dem historischen Kirchengemäuer, als Bliesener den Stummfilm eines britischen Aufklärers beim Flug über das zerbombte Pforzheim zeigt: „Heute wissen wir, wie alles enden kann, wenn es an genug Widerstand fehlt und man den Anfängen nicht entschieden entgegentritt“, kommentiert er.

Initiiert hatte den Abend Siegfried Guigas zusammen mit dem Kulturverein Walfisch sowie der örtlichen Buch- und Notenhandlung LiteraDur. Ebenso wie Bliesener wolle Guigas sich bewusst dafür einsetzen, dass sich die Geschichte nicht wiederhole, so der Lehrer: „Das Eintreten für die Demokratie ist wichtiger denn je in einer Zeit, in der man Schüler mit Aufklebern auf ihren Handys sieht auf denen steht: Remigration jetzt.“   

jza

Gefährliche Lieder des Protests im Dritten Reich brachten Christian Roche (vorne von links) und Roland Bliesener in die Alte Kirche Wilferdingen – auf Einladung von Siegfried Guigas (hinten) und Barbara Casper. Foto: Zachmann
Gefährliche Lieder des Protests im Dritten Reich brachten Roland Bliesener (links) und Christian Roche in die Alte Kirche Wilferdingen. Foto: Zachmann
Gefährliche Lieder des Protests im Dritten Reich brachte Roland Bliesener (links) in die Alte Kirche Wilferdingen – auf Einladung von Siegfried Guigas (rechts). Foto: Zachmann
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