„Wir haben einen außergewöhnlich hohen Standard – doch dieser ist in Gefahr“
Auf den mit heißer Nadel gestrickten, erst Ende November verabschiedeten „Pragmatismus-Haushalt“ 2025 folge in Remchingen vier Monate später der Übergang zur „strukturellen Konsolidierung“, zur langfristigen Stabilisierung und Sanierung, verdeutlichte Bürgermeisterin Julia Wieland, als sie am Donnerstag den Haushaltsentwurf des laufenden Jahres in den Gemeinderat einbrachte. Es ist der zweite Haushalt, den die Gemeinde ohne eigenen Kämmerer erarbeitet hatte. Seit mittlerweile neun Monaten muss sie auf das zweithöchste Amt im Rathaus verzichten, nachdem der Kämmerer im vergangenen Frühjahr krankheitsbedingt ausfiel und zum Sommer selbst kündigte. Trotz mehrerer Ausschreibungen hat Remchingen noch keinen Nachfolger gefunden.
Umso dankbarer blickte Wieland auf das Engagement des externen Kommunalberaters Thomas Berninger, der in stürmischer See in die Bresche sprang und zusammen mit dem stellvertretenden Kämmerer Matthias Schüle und dem Team des Rechnungsamts das Zahlenwerk erarbeitet hatte: „Herr Berninger ist unser Feuerwehrmann im Haushaltswesen.“ In ihrer Haushaltsrede nahm sie mit auf die Reise in einen „ganz normalen Samstag“ in der Gemeinde, an dem man von einer selbstverständlichen, im Unterhalt jedoch millionenteuren Infrastruktur profitiere.
Dabei dachte sie neben Wasser, Straßen oder Beleuchtung auch an die Kinder-, Schul- und Kernzeitbetreuung unter der Woche, die Remchingen in jüngster Zeit kräftig aufgestockt hatte, sowie das Freibad und die Kulturhalle. Alleine letztere beiden bezuschusse die Gemeinde jährlich mit 650.000 und 900.000 Euro. „Wir leben in einer Gemeinde mit außergewöhnlich hohem Standard und sind gewohnt, dass alles funktioniert. Als Bürgermeisterin ist es aber auch meine Aufgabe, die ungeschönte Wahrheit zu sagen: Dieser Standard ist in Gefahr“, mahnte Wieland mit Blick auf landesweite leere Kassen der Kommunen. Noch habe Remchingen selbst das Steuer in der Hand, müsse aber aktiv gestalten, unbequeme Entscheidungen treffen und Prioritäten setzen um künftig Wünschenswertes von Notwendigem zu trennen: „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben und wir behalten Ideen im Gedächtnis, wenn sie zurücktreten müssen.“
Trotz der angespannten Lage will Remchingen in diesem Jahr acht Millionen Euro investieren – vor allem als Raten in die bald fertig gestellten Großprojekte Kinder- und Jugendcampus mit Kindergarten, Mensa und Kernzeit in Wilferdingen (Baukosten insgesamt 14 Millionen Euro) sowie die Sanierung von Turnhalle und Hallenbad in Singen (insgesamt elf Millionen Euro). Gleichzeitig stopfe die Gemeinde erste Löcher bei der anstehenden Schulsanierung und Infrastruktur. Auch die Vereinsförderung ist weiterhin geplant. Insgesamt muss die Gemeinde aber auch tief in die Kasse greifen und Kredite aufnehmen: Ende 2026 beträgt der Schuldenstand voraussichtlich 15,8 Millionen Euro, bis Ende 2029 sind gewaltige 37 Millionen Euro Kreditaufnahmen geplant, um weitere Großprojekte wie den Feuerwehrneubau Süd, die Bergschul-Sanierung oder die Ortskerngestaltung von Nöttingen und Singen anzugehen. Der Haushalt 2026 schließt mit einem negativen ordentlichen Ergebnis von minus 4,1 Millionen Euro ab: „Wir leben von der Substanz. Das ist nicht generationengerecht und kein Dauerzustand.“
Dabei stehe Wieland zu ihrem Wort, weder die Gewerbe- noch die Grundsteuer in diesem Jahr zu erhöhen, um Unternehmen den Rücken frei zu halten und Bürger nicht weiter zu belasten. Dennoch müssten Hallengebühren und Eintrittspreise überdacht und der Flächennutzungsplan weiterentwickelt werden: „Wir müssen über neue Gewerbegebiete nicht nur diskutieren, sondern sie auch realisieren.“
Nachdem er es beim vergangenen Plan mit „November Rain“ gehalten hatte, stimmte Berninger dieses Mal „Morning has broken“ von Cat Stevens an: „Es geht langsam bergauf“, verdeutlichte der erfahrene Berater. Auch wenn das vergangene Jahr voraussichtlich leicht schlechter abschließe als geplant und die Gemeinde künftig nicht auf Schulden verzichten könne, ermutigte er mit Blick auf ein nach wie vor hohes Maß an Investitionen: „Wir müssen jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken, wir bekommen das hin.“ Jedoch sei deutliche Aufgabenkritik angesagt – künftig sollten keine weiteren Ausgaben und Aufgaben hinzukommen. Die Beratung des Plans soll am 12. März erfolgen, die Verabschiedung am 19. März.
jza



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